"Kundry" von Regina Berlinghof

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„Kundry“
von
Regina Berlinghof

Nachdem sie ihre Liebe genossen hatte, verwandelten sich ihre Liebhaber in Morgenröcke. Karlas Kollektion von Morgenröcken war berühmt. Einmal im Jahr, wenn sie eine Führung veranstaltete, durfte die staunende Öffentlichkeit einen Blick darauf werfen. Jedes Stück ein kostbares Unikat – man bewunderte sie und betrauerte die Männer, die Körper, Geist und Seele gelassen hatten, um von ihr in einen Morgenrock verwandelt zu werden. Aber es fehlte nicht an Nachschub.

Gab es eine hübschere, bezauberndere Frau als Karla? Ihre Gefährlichkeit erhöhte ihre ohnehin vorhandenen Reize ins Unermeßliche. Kann man den Motten die Sonne verbieten und der Sonne das Scheinen? Junge, Alte, Häßliche und Schöne, Sportliche und Stubenhocker umwarben sie, umschlichen ihr Haus, rissen sich um einen Tanz mit ihr – und warteten nur darauf, von ihr ins Bett geführt zu werden. Es war ihr Geheimnis, die Gefahr, die lockte. Und die Männer fühlten sich wie die ersten Pioniere. Wie große Erfinder waren sie davon überzeugt, daß sie das Geheimnis lüften und die schöne Karla von ihrem Fluch erlösen würden. Die bereits verwandelten Morgenröcke – Versager allesamt – würden sie großzügigerweise auch aus ihrer Verzauberung befreien. Nach der liebenden Vereinigung hängte eine seufzend weinende Karla einen weiteren Morgenrock auf einen neuen Bügel, umschritt wehklagend das neue Kunstwerk und musterte aufmerksam Stoff, Schnitt und Farben.

Die Wissenschaft kam nicht umhin, sich dem Problem zu stellen. Die Medien schrien nach einer Erklärung, und die Naturwissenschaftler – verlegen, weil sie keine Erklärung hatten – verwiesen an die Nachbardisziplinen. Der schwarze Peter blieb an den Psychologen hängen. Die Psychologen waren nicht dumm und schickten ihre weibliche KoryphäIn an die Front. Sie waren froh, die Pforten ihrer Wissenschaft der Emanzipation rechtzeitig geöffnet zu haben. Karla ihrerseits war dankbar, daß sie gerettet werden sollte, und hielt sich pünktlich an den Termin um 16.00 in der Praxis von Frau Professor Dr. Dr. Rita Rund-Müde. Eine große vollbusige Frau mit grauen Haaren empfing sie freundlich. Karla fühlte sich geborgen.

„Nun erzählen Sie bitte ausführlich, wann das Phänomen zum ersten Mal aufgetreten ist“, fragte Frau Rund-Müde ihre Patientin, nachdem sie Karlas Personalien und wichtige Erlebnisse aus der Kindheit auf der Karteikarte festgehalten hatte.

Karla schaute sie mit großen runden Augen an.

„Wann ist es denn das erste Mal passiert, daß sich ein Mann in einen Morgenrock verwandelt hat?“, wiederholte Frau Rund-Müde ihre Frage.

„Oh, das meinen Sie! Es war, als ich zum ersten Mal so richtig verliebt war. Wir beide waren furchtbar verliebt. Aber wir hatten noch nie…“

„Ich verstehe.“ Frau Rund-Müde gab positives Feedback.

„Wir waren allein in der Wohnung meiner Eltern – sie waren übers Wochenende verreist – und wir wollten es tun. Wir wollten es beide! Und dann -„

„Und dann?“

„Und dann – ach, er war so süß! Bernard sagte, er wollte mir die Welt zu Füßen legen. Er wollte mir jeden Wunsch erfüllen! Und er fragte mich ganz ernsthaft! Und ich war so glücklich mit ihm, daß mir gar nichts einfiel, was ich mir wünschen könnte. Aber er bestand darauf, mir ein Geschenk zu machen. Er wurde fast ärgerlich, als mir nichts einfiel! Ich war völlig verwirrt und wollte ihn doch nicht kränken. Er war so lieb! Ich wollte Zeit gewinnen und lief ins Bad. Da sah ich meinen Morgenrock – und mir fiel mit Schrecken ein, daß ein Knopf daran fehlte. Wenn wir danach – ich meine, wenn wir danach – ich wollte doch danach meinen Morgenrock anziehen – und dann fehlte dieser Knopf! Plötzlich wußte ich, was er mir schenken sollte. Ich lief zu ihm zurück und sagte ihm, daß ich mir von ihm einen neuen Morgenrock wünschte. „Ich will dein Morgenrock sein“, sagte er da und nahm mich in die Arme. Ich kann mich an die Worte noch ganz genau erinnern. Und dann schliefen wir miteinander – und dann, dann… dann hatte ich einen Morgenrock an – und er war der Morgenrock!“

Karla schluchzte heftig. „Es war ein wunderschöner Morgenrock – rot und blau gemustert und aus weichem Musselin. Er schmiegte sich ganz um meinen Körper und hüllte mich warm ein. Er war wundervoll! Zuerst glaubte ich, daß er den Mantel irgendwo aufgetrieben und mir umgelegt hatte. Aber er war verschwunden und ließ sich nicht mehr sehen. Ich war sogar böse auf ihn. Nach dem Wochenende kamen seine Eltern ganz aufgeregt zu mir: wo er geblieben sei! Sie gaben mir die Schuld, daß er verschwunden war. Ich hätte ihn ins Unglück gestürzt! Dabei hatte ich ihn nur lieb! Das einzige, was mir von ihm blieb, war der Morgenrock. Ich hütete ihn wie meinen Augapfel. Obwohl ich damals noch gar nicht wußte, daß er es war!

Aber als ich mich dann wieder verliebte – Ralph war ein Sportler. Er hatte einen tollen Körper, groß, muskulös – doch seine Augen blickten ganz sanft. Wir schliefen in seiner Umkleidekabine miteinander – nach dem Wettkampf. Alle anderen waren schon fort. Und dann hielt ich plötzlich nur einen Morgenrock in den Armen! Einen Frottébademantel mit einer samtenen Einfassung. Ich dachte, er machte sich einen Scherz. Aber es war kein Scherz – er blieb genauso verschwunden wie Bernard. Und ich hatte zwei Morgenröcke! Seine Eltern machten einen fürchterlichen Wirbel. Die Polizei kam. Als ich ihnen erzählte, was geschehen war, und ihnen die Morgenröcke zeigte, brachten sie mich in eine Irrenanstalt. Aber der Arzt war sehr verständnisvoll. Er sagte mir und meinen Eltern, woran ich litt. Ich habe seine Worte nicht verstanden, aber er meinte, es wäre ganz harmlos. Sie ließen mich wieder gehen.

Na ja, und dann geschah es wieder und wieder. Und immer blieb am Ende ein neuer Morgenrock. Wunderschöne Morgenröcke, jeder erinnert mich an die Männer, die ich geliebt habe. Jeder Morgenmantel ist für mich ein Stück kostbare Erinnerung. Alle waren so lieb. Ich habe sie alle gewarnt. Aber sie ließen sich nicht abschrecken. Wissen Sie, was sie sagten? Sie sagten, in meinen Armen würden sie gerne zu einem Morgenrock – wenn sie bei mir bleiben dürften!“

Frau Dr. Dr. Rund-Müde mußte sich räuspern.

„Darf ich – wäre es vielleicht möglich… Könnte ich die Morgenröcke einmal sehen?“

„Aber natürlich, selbstverständlich! – Kommen Sie zu mir. Ich mache für Sie eine Spezialführung. Ich werde Ihnen genau sagen, wie es mit jedem gewesen ist. Sie sind ja meine Ärztin. Ihnen kann ich alles sagen! Bei der allgemeinen Führung zeige ich ja nur die Stücke, aber über meine Geliebten sage ich nichts. Das geht die Leute gar nichts an, finde ich.“

Die Führung fand zwei Tage später statt.

„Stell dir vor“, erzählte Frau Dr. Dr. Rund-Müde abends ihrem Mann, der ebenfalls Psychologe war, so daß es sich um ein berufliches Fachgespräch handelte und nicht um den Bruch der ärztlichen Schweigepflicht, „sie hat einen ganzen Schrank voll – nur mit Morgenröcken! Und den letzten, den neuesten, läßt sie immer im Schlafzimmer aufgehängt. Das letzte Opfer sieht also immer, wie sein Nachfolger in einen Morgenrock verwandelt wird – wenn es in seinem Zustand überhaupt noch etwas sehen kann. Aber die Morgenröcke sind wunderbar. Sie hat einen erlesenen Geschmack, das muß ich zugeben. Es gibt Mäntel aus Seide und aus Brokat (wahrscheinlich aus den altmodischeren Liebhabern). Sie hat einen japanischen Kimono, einen afrikanischen Federmantel und einen Morgenmantel aus Schlangenleder – das war ein verzogenes Millionärssöhnchen! Ein Mantel war aus wunderbarem schottischen Tuch mit herrlichen Karos, dann unzählige bunte Fetzen – eben heutige Durchschnittsware, dann ein Rock aus bayerischem Loden! – Dann hingen da zwölf Mäntel mit den Initialen des Fußballclubs auf der Rückseite – der Ersatzspieler wollte seine Kameraden retten und ging selbst in die Falle! – Ich begreife nicht, was die Männer so verrückt macht, daß sie sehenden Auges in ihr Unglück rennen! Sie muß eine ganz starke Projektion auslösen. – Die Anima der Männer! Was meinst du?“

„Ist sie denn so schön?“, fragte ihr Mann versonnen und strich sich sacht über die graumelierten Schläfen.

„Sie ist nicht schöner als viele andere Frauen auch, die du täglich auf der Straße siehst. Wenn ich ein Beispiel aus der Mythologie suche, dann fällt mir nur Odysseus ein, der unbedingt die Sirenen singen hören wollte. Aber er hat sich wenigstens von der Mannschaft festbinden lassen!“ Der Gedanke ließ Frau Dr. Dr. Rund-Müde überrascht innehalten. „Ist das nicht eine hübsche Idee: ein neuer Komplex, den ich entdeckt habe – der Odysseus-Komplex? Was hältst du davon, wenn ich das ausbaue – der Odysseus-Komplex des modernen Mannes! Denn modern ist er auf jeden Fall – er hat keine Hemmungen eingebaut wie der alte Odysseus! Was meinst du – soll ich erst einen kleinen Aufsatz schreiben, in dem ich meine These nur vorstelle – oder gleich einen dicken Wälzer, eine komplette theoretische Abhandlung mit allen methodischen Absicherungen?“

Sie seufzte, als sie merkte, daß ihr Mann schon eingeschlafen war. Ein unschuldiges Lächeln umspielte seine Lippen. Wie ein großer Junge sah er aus. Gerührt lächelnd beugte sie sich über sein Gesicht und küßte sanft seinen Mund.

Dann schmiegte sie sich an seine Seite, bereit, ihm zu den Inseln der seligen Träume nachzufolgen. Sie träumte leider schon, bevor sie schlief. Sie sah einen wunderschön gesetzten Artikel in „Der Psychologe“, betitelt: „Der Odysseus-Komplex“, geschrieben von Rita Rund-Müde. Sie erlebte genußvoll den Aufruhr, den ihre Entdeckung verursachte – die wichtigste seit Freud. Sie sah sich in schwarzer Robe auf ein Podium zugehen, wo ein König auf sie wartete, um ihr eine Urkunde auszuhändigen. Sie hörte den tosenden Applaus, während sie die Stufen emporschwebte. Der Applaus wurde lauter und lauter. Gerade, als ihr der König die Hand reichen wollte, schrak sie durch das tiefe Schnarchen ihres Mannes hoch. Sie seufzte. Neben den rasselnden Tönen ihres Mannes wollte sich die königliche Atmosphäre von Stockholm nicht mehr so recht einstellen. Ein leiser Ärger machte sich statt dessen breit. Da hatte sie ihrem Mann von dem größten Wunderphänomen aller Zeiten berichtet, von ihrer aufregend-neuen Theorie, und ihm fiel nichts anderes ein, als zu schlafen und zu schnarchen. Was er wohl für einen Morgenrock abgeben würde? Sie kicherte bei der Vorstellung. Dann schlief auch sie ein.

Zwei Tage später erhielt sie ein kleines, leichtes Päckchen von Karla, das einen Morgenrock enthielt. Auf dem Begleitzettel stand nur: „Es tut mir so leid. Ich habe ihn gewarnt. Aber er meinte, er könnte meinen psychischen Block lösen. Er ist ein so kluger Mann. Aber er hätte besser auf mich hören sollen. Ich glaube, er ist am besten bei Ihnen aufgehoben. P.S. Bitte seien Sie nicht böse. Ihre Karla.“

[Auszug]

Die Autorin:

Regina Berlinghof: Geboren 1947 in Freiburg, aufgewachsen in Frankfurt/Main. Jurastudium; längere Aufenthalte in Israel und Ägypten. Ich lebe und arbeite als freie Schriftstellerin, Verlegerin und PC-Trainerin in Kelkheim und Frankfurt. Spiritualität, Wüste und das Zusammenspiel verschiedener Kulturen sind die Themen meiner Bücher: der Roman „Mirjam. Maria Magdalena und Jesus“ (1995/97) und der Geschichtenband „Wüste, Liebe und Computer“ (1999/2000). Weitere Veröffentlichungen (Gedichte, Satiren, Geschichten, Essays u.a.) auf meiner Homepage: www.regina-berlinghof.de

Regina Berlinghof:
Wüste, Liebe und Computer
Geschichten
245 Seiten, 24,80 DM
Yin Yang Media Verlag


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