"Freier, Bürger" von Götz Schwirtz

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„Freier, Bürger“
von Götz Schwirtz


Und als uns all Deine Lippen wieder freigaben, als wieder fremde Lichter schienen, da wankten wir – ein wenig glücklich – dorthin von wo die Lichter kamen, hinter die Lamellen der hölzernen Laden, in die Welt, die Stadt, auf die Strassen.

Berauscht von der Haut des Anderen, blaufleckig und taub unserer Gier, war uns die alte Freundin Basel so fremd. So fremd wie ihre Menschen, die mit und ohne Sonntagsstaat an unseren Kaffeetassen vorbeipromenierten, Kinder erzogen oder laufen liessen, die alle was zu sagen schienen: Ich bin ich oder Ich bin nichts.

Und weiter zogen wir durch die matten Sonntagsstrassen, und taten was alle tun, die so ineinander fallen wie wir, wir versuchten die dunklen Bande der Stunden zischen Teppich und Bett in den hellen Tag zu retten, die Angst vor Alltag im Genick. Und fanden uns also vor den Schaufenstern der Möbelhandlungen wieder und lachten uns aus dafür und küssten uns deswegen.

Aus diesem Kuss fiel dein Blick auf die junge Frau gegenüber auf der Strasse, die unter den Bäumen der Claramatte trieb und in die Wagen lächelte. In der Linken eine Zigarette winkte sie mit der Rechten kleine Zeichen hinter die Frontscheiben. Die Fahrer schienen sie nicht zu bemerken. In einem den mageren Körper betonenden Ensemble aus einer vergangenen Mode gekleidet, wirkte sie, auch mit herauswachsender Dauerwelle, frisch. Einzig das Gesicht zeigte schon den Beginn einer Maskierung.

“Das ist der Drogenstrich hier!” hauchtest du in mein Gesicht.

“Ja, das ist der Drogenstrich!” hauch ich zurück.

Bevor die junge Frau immer dem Einbahnverkehr entgegen um die nächste Heckenecke aus unserem Blick und wahrscheinlich auch Gedächtnis entschwunden wäre, trat ein bis dahin unbemerkt gebliebener Fussgänger auf sie zu. Ein Gespräch entspann sich.

“Was tut der da?” fragtest du.

“Der macht den Preis.” antworte ich.

“Dabei sieht das so friedlich aus. Als reden sie über ihre Hunde oder das bessere vorjährige Wetter.” murmeltest du in meine Schulter. Das Paar schien handelseinig zu sein und ging langsam vom Parkweg über die Strasse. Ohne nachzudenken, ohne Wort folgten wir einem gemeinsamen Impuls und Ihnen. Einige zehn Meter vor uns liefen sie durch die Strassen des Kleinbasel. Immer wieder wand sich der ältere Herr zu der jungen Frau, die aber einsilbig blieb. Vor einem der alten Häuser blieben die Beiden stehen, die Frau wies nach oben, hier schien sie also zu wohnen. Die Handelspartner verschwanden hinter der schweren Holztüre. Kurz drauf wurde im ersten Stock ein Fenster geschlossen. Dem Haus gegenüber fand sich ein kleiner Park, in dem wir eine Bank suchten, das Haus im Blick.

“Was die wohl da oben tun?” fragtest du vor dich hin.

“Was sollen die schon tun!” antwortete ich ins selbe Nichts “Was man eben tut, für ein oder zweihundert Franken.” Seitlich sahst du mich aus deinen Vulkanbodenaugen an.

“ Macht das Männern Spass, so für ein- zweihundert Franken?”

“Ich glaube nicht. Spass macht das nicht. Vielleicht spüren sie mal wieder die Macht die im Sex, im Eindringen und Raum nehmen liegt. Sie können sich das Recht, in einem Menschen zu weilen, zuweilen kaufen. Das ist ihre Macht und vielleicht ihr Spass. Ich weiss es nicht.” Während ich meinen Arm um dich legte verschwand dein Aal von einer Hand in meinem Schritt. Streichelnd fragtest du weiter. “Hast du auch Freude an dieser Macht?”

“Ja natürlich, aber es ist keine Macht über dich, mehr über uns. Unsere Macht über uns. Die macht Freude!” Die Hose wurde mir eng. “Wir haben die Macht uns zu entzünden, einer raubt dem Anderen den Verstand.” Dein Mund kam meinem Ohr gefährlich nah, bei spitzen Worten berührte er die Muschel kurz. Kleine, matte Monde gingen auf; deine Macht.

“Wir haben also Macht übereinander?” Ich gab dir mein Ohr ganz. Und formte aus dem schwereren Atem: “Nur da haben wir Macht, wo die Worte, Lieder und Gedichte nicht mehr reichen, wenn wir diese andere Sprache brauchen um uns unsere Sucht nacheinander zu zeigen, dann haben wir Macht. Und nur da!”

“Und wieweit führt das?”

“Fragen stellst du! Überall hin! Überall hin führt das!” Ich gab dir meinen Nacken. Du lecktest Dunkelheit in mich. “Reicht diese Macht für hier und jetzt?” fragtest du meine Gänsehaut. “Hier und jetzt? Das wird doch nichts! Wir sind in einem Park, überall wuseln Kinder, die Mütter an der Ferse. Für so was bin ich dann doch zu alt. Wie soll man sich denn konzentrieren?” Deine Brust rieb mir an den Schultern, dein Mund biss jetzt.

“Du sollst dich nicht konzentrieren, ich bin kein Schachbrett! Du sollst dich hingeben, meiner Macht hingeben.” Das sie längst wirkte, konnte deine Hand im Schritt spüren. Und schon waren Knopf und Reissverschluss offen. Und ehe die Bilder über das Knäuel das dein Wickelrock gleich bilden würde, aufgestellt waren, spürte mein pulsendes Sensorium die warme Nässe deines Hauses. Rittlings du auf mir, am Sonntag Nachmittag im Park. Nur Drängen und Zucken, am Sonntag Nachmittag im Park. Wir keuchten uns in die Kragen, den Monden elliptisch näher kommend. Kontrollverlust.

Zur letzten Ausschau in die andere Welt, nach Polizisten und besorgten Eltern, sah ich die schwere Holztür aufgehen. “Du der geht schon wieder. Mehr als fünfzig Franken kriegt der an seiner Alten nicht vorbei.” Du wendetest den Kopf, mich streifte dein Blick, der noch aus Lust war. Der schmerzvolle, den ich so liebe. “Wo der wohl hingeht?”

“Na zu seiner Frau. Vielleicht wird er vom Elend auf der Strasse erzählen, das sich nicht mal mehr Sonntags versteckt.”

Du stiegst ab von mir und kniffst die Augen. “Bist du sicher? Würde mich brennend interessieren was der jetzt macht.”

Die Hose ordnend sagte ich: “ Dann gehen wir ihm nach! Es gibt noch Fragen! Geht der schnurstracks aufs Tram? Trinkt er noch einen Kaffee? Trift er sich zum Boccia? Wem berichtet er seine kleinen Abenteuer?” Der sauber Gekleidete, blickte sich um, wechselte die Strassenseite und zog nicht sehr eilig und ohne sich noch einmal umzusehen von dannen. Wir wollten ihm nach, da öffnete die Tür zum zweiten Male. Die junge Frau verliess das Haus eilig. Sie versuchte sich eine Zigarette anzuzünden, das Feuerzeug fällt ihr aufs Trottoir. “Gottverdammi!!!” sie bückt sich und eilt weiter. Ohne zu rauchen.

“Und wo geht sie jetzt hin?” fragtest du. “Das interessiert mich eigentlich noch viel mehr.”

Ich hatte einen simplen Einfall, der mir, wie jeder an deiner Seite, die Qualitäten eines Geistesblitz zu haben schien: “Wir trennen uns jetzt! Ich gehe ihm nach und du bleibst bei ihr.” Du küsstest mich. “Das hast du schön gesagt, ja ich bleibe bei ihr. Los beeile dich, der ist gleich weg. Wir treffen uns auf meinem Balkon!” Ich hastete dem Mann hinterher und bald sind wir uns aus dem Blick. Gemächlich strich der alte Herr durchs Kleinbasel, bis er in einem Schulhaus verschwindet.

Eine Zeit später, einer der energischen Regen dieses Sommers tröstet uns, sitzen wir rauchend, Schulter an Schulter auf deinem Balkon.

“Völlig klar wo sie hinging, zwei Strassen weiter stand der Dealer. Sie verschwand dann kurz in einer Auffahrt und kam nach zehn Minuten, fast unverändert wieder heraus.”

“Ging sie wieder zur Claramatte?”

“Nein sie traf eine Freundin und verschwand mit ihr in einer der Kneipen, die schon bei Tag Nachtleben haben. Und bei dir? Wo ging er denn hin, der saubere Freier?”

“Er ging in ein Schulhaus.”

“In ein Schulhaus? Am Sonntag? Was macht er da?”

“Abstimmen! Heute ist Abstimmungssonntag! Und weißt du worüber abgestimmt wird?

“Nein”

“Über die Droleg- Initiative! Die Initiative zur Legalisierung und Entkriminalisierung des Drogenkonsums.”

“Was wird er wohl gestimmt haben?” fragtest du, mir deinen Rauch ins Gesicht blasend.

“Er ist ein freier Bürger.” sagte ich.

“Ja, er ist ein freier Bürger” sagst du und weinst.


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