"FKK für Dummies" von Udo Schmitt

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„FKK für Dummies“
von Udo Schmitt

Kaum spürt man die Sonne auf der Haut,hüpfen die Frischluftnackedeis wieder aus ihren Klamotten und tummeln sichhüllenlos auf den Wiesen des nahen Baggersees. Kultur, nennen sie es,Freikörperkultur. Einem spontanen Einfall folgend besuche ich heute zum erstenMal einen Nacktbadestrand und mische mich unter die Kulturschaffenden mit ihrenFreikörpern.

Der blaue See gähnt müde vor sich hin. Einpaar Bäume wirken unausgeschlafen, stehen verloren in der Landschaft. Nur derWind zupft manchmal erwartungsvoll an den Blättern.

Ich gehe auf einem schmalen Wiesenpfaddirekt am Ufer entlang, als meine Schritte plötzlich langsamer werden. Was umalles in der Welt, frage ich, treibt mich dazu, die Gesellschaft jenerverrückten Nackten zu suchen? Ist diese Tat eine Mutprobe oder doch nurprimitivste Triebbefriedigung, mit visuellen Reizen provozierte Wollust? Igitt!Was bin ich nur für ein ekelhafter Lüstling. Ich würde mich nicht wundern, wennMütter ihre Kinder vor mir warnten. Erfüllt das Nacktbaden bereits einenStraftatbestand? Die Badehose, beschließe ich, bleibt jedenfalls immer inReichweite.

Nüchtern betrachtet ist es das Natürlichsteder Welt, sich nackt an der frischen Luft zu bewegen. Den Kleiderzwang habenwir schließlich nur der Prüderie der katholischen Kirche zu verdanken. Nacktsein, nackt baden, die Unbefangenheit genießen, den Wind und die Sonne auf derHaut, das alles muß ein sehr befreiendes Gefühl sein.

Nacktbaden ist nichts Unanständiges, redeich mir ein. Schließlich bin ich nicht verklemmt und durchaus modern erzogen.Leichte Zweifel kommen mir bei dieser Behauptung. Habe ich Vater und Mutterjemals nackt gesehen? Meine Kinder werden jedenfalls anderes erzogen, das stehtfest. In der heutigen Zeit sieht man alles viel lockerer. Der Gesundheitsaspektist natürlich auch wesentlich – nasse Badekleidung fördert bekanntlichBlasenentzündungen, eine Tatsache, die man keinesfalls auf die leichte Schulternehmen darf. Ach, denke ich mir, Augen zu und durch. Jetzt wird das einfacheinmal ausprobiert.

Wie ein schüchterner Schulbub stehe ichzunächst am Rande der Liegewiese und kann mich nicht dazu entschließen, dasfeindliche Areal zu betreten. Dann gebe ich mir aber einen Ruck und setze michvollständig bekleidet auf meine Decke und grinse zunächst verlegen den Bodenan. Erst nach einigen Minuten hebt sich mein Blick und ich registriere dieUmgebung. Munteres Geplauder, nacktes Stolzieren, langgestreckte Leiber in derSonne. Belanglose Gespräche: Herr A, Frau B, auch wieder da? (Eine Frage, diesich generell schlecht verneinen läßt). Was machen die Kinder? An einer anderenStelle werden Kochrezepte ausgetauscht. Ich frage mich verwirrt, wie manangesichts dieser nackten Tatsachen Kochrezepte austauschen kann. Ich lassemich jedoch überzeugen. Es ist tatsächlich möglich.

Nur nicht zu sehr auf sonst verdeckteKörperteile starren, nehme ich mir vor. Und bloß keine Aufmerksamkeit erregen.Zögernd erhebe ich mich und zupfe an meiner Hose. Ich hole tief Luft und ziehesie schnell mit einer einzigen Bewegung herunter. Eilig setze ich mich wiederauf den Boden, bin erleichtert, daß ich es hinter mir habe. Hat es irgendjemand bemerkt? Ängstlich sehe ich mich um. Nein, die Nackten unterhalten sichimmer noch über Kochrezepte. Ich beruhige mich langsam.

Nach einer kurzen Erholungsphase beschließeich, daß ich mich zunächst auf den Bauch lege, um nicht unfreiwilligeReaktionen hervorzurufen und damit womöglich noch verurteilende Blicken aufmich zu ziehen. Es ist wirklich ungerecht, daß wir Männer mit diesemverräterischen Instrument, jenem Gradmesser unserer triebhaften Gedanken,ausgestattet sind, das jede Erregung, jeden Wechsel unserer Befindlichkeitunbarmherzig anzeigt wie ein Fieberthermometer, das nüchtern darüberinformiert, ob der Patient Fieber hat oder nicht. Ich werfe einen sehnsüchtigenBlick auf meine Badehose.

Es wird von den Nacktbadern offensichtlichgerade noch geduldet, wenn man zum Schwimmen wieder zur Badehose greift. Nungibt es einfach Menschen, die den Weg bis zum Wasser nicht baumelndenGeschlechts zurücklegen wollen. Schnell ziehe ich sie mir über, schnelldeswegen, weil ich dazu wieder aufstehen muß. Das Wasser ist erfrischend kühl.Ich schwimme hinaus, tauche ein paar mal unter, kraule zurück ans Ufer. Aufmeiner Liegedecke ziehe ich brav die Badehose wieder aus und versuche erneut,mich ganz dem Nacktbaden hinzugeben.

Langsam mache ich mir Gedanken darüber, wasich mit meiner Zeit anfangen soll. Oberstes Ziel aller Nacktbader ist es, einegleichmäßige Bräunung der Haut zu erreichen. Deshalb sollte nicht nur einseitigder Rücken gebräunt werden. Wie ein Hühnchen am Grill muß auch jeder Nacktbaderregelmäßig gewendet werden. Das Bräunen des Bauches ist jedoch problematisch,denn man kann nie voraussagen, welche Richtung das störrische Teil unterhalbder Gürtellinie einschlagen wird. Womöglich wird man noch als Lüstlinggebrandmarkt und des Strandes verwiesen. Ich schaue mich um und sehe, daß dieübrigen Nacktbader dieses Problem recht gut im Griff haben. Unwillkürlich mußich über den ungewöhnlichen Anblick der vielen Geschlechtsteile lachen, die ummich herum in der Landschaft herum hängen. Wahrscheinlich haben die anwesendenHerrschaften alle eine Überdosis Schlaftabletten zu sich genommen, um dieerforderliche Entspannung zu erzielen – oder den entsprechenden Frühsporthinter sich. Das ist es, denke ich mir. Hätte ich doch auch …

In der Ferne taucht ein ungleiches Paar auf.Eine kleine, zierliche und sehr hübsche Frau und ein hagerer junger Mann. DieFrau hat schöne, strahlende Augen. Er läuft zögernd und verkrampft hinter ihrher.

Ich blicke zum Himmel und sehe ein kleinesWölkchen. Fachmännisch schätze ich ab, ob sich die Wolke vor die Sonne schiebenwird. Nein, wir haben Glück. Keine Gefahr für uns Sonnenhungrige.

Die Schöne und Herr Hager suchen einenpassenden Liegeplatz. Ich krame nach meiner Zeitung. Endlich haben die zweiihre Wahl getroffen; sie lassen sich nicht weit vom Wasser nieder. Die Frausteht in wenigen Sekunden völlig nackt da und lächelt. Ich starre sie kurz an,bis ich, über diese Tatsache erschreckt, zusammenfahre und mich hinter meinerZeitung verstecke. Die Politik interessiert mich nur wenig. Ich linse kurz übermeine Zeitung.

Der hagere Mann hat inzwischen sein Hemdausgezogen. Ein Rippengebirge kommt zum Vorschein. Ich suche in meiner Zeitungnach dem Lokalteil. Die Sonne brennt inzwischen heiß herunter. Die Haut imGesicht fühlt sich trocken an.

Als ich meine Zeitung sinken lasse, seheich, wie Freund Hager umständlich ein Badehandtuch um die Hüften schlingt undauf komplizierte Weise versucht, sich seiner Unterhose zu entledigen. Nacheiniger Zeit schafft er es schließlich. Die schöne Blonde hat sich unterdessendekorativ auf der Liegedecke ausgebreitet und lächelt mit geschlossenen Augenin die Sonne, die hoch am tiefblauen Himmel steht. Sie beachtet ihren Begleiternicht. Dieser ist damit beschäftigt, ungeduldig seine Badehose in dem Gewühlder mitgebrachten Badetasche zu suchen. Endlich zieht er sie wie einen totenFisch heraus. Bei dem Versuch, ein Bein zu heben und die Badehose über den Fußzu streifen, fällt ihm das Handtuch auf den Boden, so daß sein weißes,fluoreszierendes Hinterteil sichtbar wird. Ein leichtes Raunen geht durch dieMenge. Inzwischen ist man auf die Vorstellung des jungen Mannes aufmerksamgeworden. Dieser ist jedoch so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß er diesenUmstand nicht registriert. Schnell wickelt er das Handtuch wieder um die Lendenund versucht von Neuem, seine Badehose anzuziehen. Wie ein Storch auf einemBein steht er im Gras, hüpft zuweilen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.Unglücklicherweise besitzt er aber so lange Beine, daß es ihm einfach nichtgelingen will, den Fuß durch die Badehose zu stecken. Die Zuschauer beginneninzwischen langsam, miteinander zu tuscheln und sich in die Rippen zu stoßen.Auch des hageren Burschen Freundin richtet ihre Aufmerksamkeit allmählich aufdie unbeholfenen Versuche ihres Helden. Aufmunternd lächelt sie ihn an. FreundHager schimpft jedoch ärgerlich vor sich hin. Inzwischen verfolgen sämtlicheAnwesenden gebannt das Schauspiel, unbemerkt von ihrem Hauptdarsteller.

Immer wieder sind seine Versuche, dieBadehose an die dafür vorgesehene Stelle zu plazieren, erfolglos. Schließlichbietet ihm seine reizende Freundin ihre Hilfe an. Das Publikum verfolgtgespannt das Geschehen. Alle Blicke sind nun auf die groteske Badehosenaktiongerichtet. Beherzt nimmt die Freundin das Badehandtuch in die Hand, hält essorgsam um ihres Begleiters Hüften, so daß der Verzweifelte endlich zwei Händefrei hat für seine Badehose. Nach mehrmaligen Stolpern und vielen Verrenkungenschafft Herr Hager es schließlich und die Badehose erreicht endlich ihr Ziel.Die Freundin zieht das Badehandtuch mit einem einzigen Ruck von seinem Körper,gekonnt wie die reizenden Assistentinnen eines Meisterzauberers. SpontanerApplaus stellt sich ein. Erst allmählich bemerkt Freund Hager, daß er der Grundfür die allgemeine Erheiterung ist. Sekundenschnell läuft er dunkelrot imGesicht an und wälzt sich verzweifelt auf seiner Liegedecke (im Boden versinkenkann er ja leider nicht). Erst als sich die Zuschauer wieder ihrenunterbrochenen Gesprächen widmen, merke ich, wie still es in den letztenMinuten gewesen war. Auch ich muß über die unfreiwillige Vorstellung schmunzeln,sehe auf meine Uhr und beschließe, schnell noch ein Bad zu nehmen. Das Wasserist herrlich. Ich schwimme mit kräftigen Zügen hinaus. Erst als ich in derMitte des Sees angelangt bin, bemerke ich, daß ich am Ufer meine Badehosevergessen habe.

Homepage von Udo Schmitt:

http://home.t-online.de/home/U.Schmitt


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