Jungfrau (40), männlich, sucht oder Wie auch erwachsene Jungfrauen ihre Sexualität entdecken können

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Es gibt erwachsene Menschen, die haben noch nie Sex gehabt. Man nennt sie „Absolute Beginner“. Geschieht das unfreiwillig haben diese Menschen oft einen großen Leidensdruck und sehnen sich nach emotionaler und körperlicher Nähe. Ein Tabuthema, was Monika Büchner mit ihrem Buch „Für die Liebe ist es nie zu spät“ aufgreift und Anleitung gibt, wie Mann oder Frau sich aus dieser Einsamkeit befreien können.

Es ist ein Tabuthema. Es gibt erwachsene Menschen, die noch nie Sex gehabt haben, ja sogar noch nie zärtliche Berührungen eines anderen Menschen haben spüren dürfen. Doch kaum einer kennt sie, weil sie fast alle schweigen. Denn outet sich jemand als erwachsene Jungfrau, wird er oder sie schnell gesellschaftlich geächtet.
Oftmals beginnt der Weg zum Dasein als „alte Jungfer“ schon recht früh. Auf dem Schulhof herrscht ein „sexueller Wettbewerb“. Gegenseitig wird sich übertrumpft wer überhaupt schon Sex gehabt hat und dann auch noch mit wievielen. König ist der Typ, der die meisten andern Mädchen flach gelegt hat – Looser derjenige, der noch keinen sexuellen Kontakt hatte. Bereits dort fängt die Stigmatisierung des Sexlosen, der Jungfrau an. Keiner traut sich zu sagen: „Ich bin Jungfrau“, denn damit würde er oder sie aus dem Gesellschaftskreis der Sex-Habenden unmittelbar ausgestoßen.

Monika Büchner, die Autorin von „Für die Liebe ist es nie zu spät!“ spricht von schätzungsweise 1-2 Millionen „Absolute Beginner“ in Deutschland. Die gesellschaftliche Tabuisierung dieses Themas und das Schweigen der Betroffenen führt dazu, dass es kaum Informations- und Hilfsangebote gibt. Auch Leidensgenossen zu finden gestaltet sich als problematisch, da niemand selbst darüber spricht.

Büchner will mit ihrem Buch Menschen helfen, die noch nie in ihrem Leben Sex gehabt haben oder unzufrieden sind mit ihrer bisherigen Sexualität. Sicher gibt es manche, die sich ganz bewusst und willentlich für ein Leben ohne Sex entscheiden. Und das ist in Ordnung so. Jene aber, welche unfreiwillig ungeküsst bleiben, leiden. Monika Büchner bietet in ihrer Praxis in Frankfurt Sexualberatung, Sexualtherapie und Köperarbeit für Einzelne und Paare an. Sie bezeichnet sich selbst als Expertin für Sexualität, Sinnlichkeit und Erotik. In ihrer Arbeit ist sie vielen absoluten Beginnern begegnet und hat sie auf dem Weg zu ihrem ersten Mal begleitet. Sie arbeitet mit Gesprächen und achtsamen Berührungen, um eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, damit auch Menschen, die über lange Jahre einen Panzer um sich herum aufgebaut haben, sich öffnen und über ihr Leiden sprechen können.

Sex kann jeder lernen!

„Es ist nie zu spät“, sagt Monika Büchner. Egal ob mit 22 oder 54, es gibt immer einen Weg zur ersten Berührung, zum ersten Kuss und schließlich auch zum ersten Mal Sex. In ihrem Buch bietet sie „fundierte Informationen, Fallbeispiele, ihre persönliche Check-Liste, ein Training für zu Hause und ebenso eine breite Palette nützlicher Hinweise rund um eine freudige Sexualität.“ Denn Sexualität und Beziehung kann man lernen, so wie alles andere auch.

In ihrem Buch für „Absolute Beginner“ steigt sie erst einmal mit der Begriffsgeschichte ein. Worum geht es überhaupt? Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen usw… Danach geht sie auf die Sexualität des Menschen ein, damit die Beginner überhaupt erst mal ein Gefühl dafür bekommen, worauf sie sich da einlassen. Im Anschluss daran berichtet sie über ihre praktische Arbeit und wie sie in ihrer besonderen Arbeitsweise erwachsene Menschen schrittweise zu ihrer eigenen Sexualität und schließlich zum ersten Mal führt. Darauf baut der vierte Teil mit praktischen Tipps auf, die Helfen sollen den eigenen Körper und die eigene Sexualität kennen und spüren zu lernen. Zum Abschluss bringt sie im letzten Kapitel noch Beispiele von (Ex-)„Absolute Beginner“, die mit Büchners Hilfe den Weg zu einem erfüllten Sexualleben gefunden haben.

Ein Buch nicht nur für „Absolute Beginner“

Als „Absolute Beginner“ (AB) werden männliche und weibliche Jungfrauen bezeichnet, die älter als 25 Jahre sind. Dass es dazu kommt, kann vielfältige Gründe habe. In ihre Betrachtung bezieht Büchner auch die „Normalos“ mit ein – denn sie ist der Meinung, jeder ist irgendwie ein Beginner. Oft gibt es Menschen, die zwar Sex haben, ihn aber eigentlich gar nicht mögen. Oder Menschen, die sich ihrer Sexualität nicht sicher sind und sich gerne mehr öffnen und weiterentwickeln wollen. Auch denen soll das Buch helfen.

Grundsätzlich gibt es drei Typen von ABs – diejenigen, welche weder körperliche Erfahrungen haben noch emotionale Bindungen kennen, ABs die zwar sexuelle Erfahrungen gesammelt haben, jedoch ohne emotionale Bindung und ABs die zwar eine emotionale Bindung eingegangen sind, diese aber ohne sexuelle Erfahrung einhergeht. Selten sieht man ihnen an, dass sie ABs sind. Büchner ist sowieso der Meinung, dass man es niemandem ansieht, „wie sich sein Liebesleben gestaltet. Hinter der äußeren Fassade gibt es viele Möglichkeiten. Es gibt kaum einen anderen Bereich, in dem man sich so täuschen kann, das Gegenüber einzuschätzen“

Büchner schreibt direkt und mit einer angenehmen Sprache. Spricht nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern ermuntert immer wieder dazu, dass es jeder schaffen kann, egal in welchem Alter und aus welchen Gründen, das sexuelle oder emotionale Zölibat zu verlassen. Insofern derjenige oder diejenige gewillt ist. Denn auch das stellt sie voran – es gibt Menschen, die sich ganz bewusst für ein solches Leben entschieden haben und diese will sie auf keinen Fall drängen oder beeinflussen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Was das Buch ausmacht, sind die vielen Erfahrungsberichte die Monika Büchner immer wieder einfließen lässt. Da ist zum Beispiel der erfolgreiche Manager, der seine Sexlosigkeit zunächst mit Escortdamen bekämpft, nach einiger Zeit aber trotzdem eine furchtbare Leere spürt – die emotionale Bindung fehlte. Ihn musste die Autorin erst wieder zurück zu sich selbst führen, damit er seinen Körper spüren lernen konnte und die Fähigkeit entwickelte, Emotionen zuzulassen.
Oder auch, wenn sie die vielfältigen Gründe für das Jungfrauendasein im Erwachsenenalter aufzählt (Erwartungsdruck der Eltern, Sex als Tabu, Missbrauch, Scham, Schüchternheit, niedriges Selbstwertgefühl, Perfektionismus, körperliche Besonderheiten usw…) und zur jeder Ursache ein Beispiel erzählen kann. So weiß jeder AB spätestens nach der Lektüre des Buches, dass er nicht allein ist mit seinen Gründen.

Den Teufelskreis durchbrechen

Seelisch kann die unfreiwillige Abstinenz von Sex oder Emotionen verheerend sein. Büchner beschreibt, dass viele Klienten und Klientinnen, die zu ihr in die Praxis kommen, verzweifelt sind. Sie führen oft ein Doppelleben. Nach außen hin sieht alles in Ordnung aus, aber innerlich sind sie zerrissen. Die Sehnsucht nach unerfüllter körperlicher Nähe und liebevoller, emotionaler Geborgenheit zieht häufig gesundheitliche Beschwerden nach sich. Depressionen, Sozialphobie oder Bindungsangst sind einige davon – wobei diese sicher mit der Sexlosigkeit in Wechselwirkung stehen. Mit Bindungsangst gibt es keine Bindung, aber ohne Bindung kann auch der innere Wunsch nach Nähe nicht erfüllt werden. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.

Die Gute Nachricht: Es ist mach- und lernbar – „Sex kann man in jedem Alter lernen.“ Dabei ist es oftmals die Verbindung von Psychotherapie und Coaching, bei dem vor allem ein Bezug zur Praxis im Mittelpunkt steht, was zum Erfolg führt. Denn neben der Theorie – Was ist Erregung, was ein Orgasmus? Warum sind Berührungen wichtig? – sind vor allem praktische Übungen von Bedeutung. So gibt sie einem AB zum Beispiel Übungen an die Hand, wie er oder sie sich besser selbst Fühlen lernt. Sei es durch richtiges Atmen oder der Aufforderung, sich selbst zu Berühren und dadurch erst kennenzulernen.

Auch erläutert sie das „12–Punkte–Programm“, mithilfe dem das Potential des Klienten erforscht und herausgefunden werden soll, wie die Chancen verbessert werden können. Es ist eine Mischung aus Fragen und Handlungsanweisungen, die am Ende zum Erfolg führen sollen. Sie scheut auch nicht davor zurück, ABs zu empfehlen, die Dienste eines Sexarbeiters oder einer Sexarbeiterin in Anspruch zu nehmen. Denn schließlich ist das „eine ernsthafte Möglichkeit, sich von einem ‚Profi’ behutsam an der Hand nehmen zu lassen, um sich für Sexualität vertrauensvoll zu öffnen.“

Besonders hilfreich ist auch die Checkliste, die nochmal bei einer kritischen Selbstanalyse helfen soll und Anregungen gibt, was anders gemacht werden könnte.

Motivation durch Erfahrung

Für einen Motivationsschub sorgt nochmal das letzte Kapitel – Erfahrungsberichte. Im Interview oder in Berichten aus der Ich-Perspektive schildern die Betroffenen ihre Entwicklung als „Absolut Beginner“. Wie sie das Coaching gestartet haben, wie sie sich langsam geöffnet und selbst kennengelernt haben und wie sie es geschafft haben, sich schließlich körperlich und emotional auf andere Menschen einzulassen. Sei es mit Hilfe einer Sexualassistentin oder eines Sexualassistenten oder auch auf dem herkömmlichen Weg der PartnerInnensuche.

Es ist ein tolles Buch, was Monika Büchner da geschrieben hat und auch für „Normalos“ lesenswert. Denn was sie über Körperbewusstsein und „Sich-selbst-Spüren“ schreibt, ist nicht nur etwas, dass Menschen lernen müssen, die noch kein Sex hatten. Nein. Auch viele, die schon in festen Partnerschaften leben und gelebt haben, die regelmäßig Sex haben, haben trotzdem die Verbindung zu ihrem Körper verloren. Dadurch schöpfen sie nur ein Bruchteil des sexuellen Potentials aus, was wirklich in ihrem Körper schlummert – und bringen sich damit auch um einen Großteil des Genusses.
Auch das die aus dem Fernsehen bekannte Sexualtherapeutin Ann-Marlen Henning das sehr lobende Vorwort zum Buch geschrieben hat, zeugt von der Qualität, welche dem Buch inne ruht.

 

Monika Büchner
„Für die Liebe ist es nie zu spät. Absolute Beginner – wenn Sie das erste Mal noch vor sich haben.“
248 Seiten
J. Kamphausen Verlag (2016)

Erhältlich bei Amazon oder im Buchhandel


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Autorenprofil

Sascha

Sascha ist für das Redaktionelle bei Erosa zuständig. Vater zweier Kinder, verheiratet in einer offenen Ehe, geboren, aufgewachsen und wohnend in Dresden. Er hat schon immer ein brennedes Interesse an allem, was mit Erotik, Sexualität und Beziehung zu tun hat. Sein besonderes Steckenpferd sind Sextoys.
Er arbeitet freiberuflich als Texter. Sein Angebot findest du hier auf Erosa unter „Wir“.

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